Alan Hemsworth gehört seit 50 Jahren zum Austausch der Schulen in Bebra und Knaresborough dazu. Der mittlerweile pensionierte Lehrer aus England war bisher bei jedem Besuch dabei.

Bebra – Alan Hemsworth traut seinen Augen nicht, als er Ostern 1975 um zwei Uhr nachts zum ersten Mal in Bebra am Bahnhof ankommt. Da steht Wladimir Iljitsch Lenin mit einer Fell-Mütze auf dem Kopf und redete leidenschaftlich gestikulierend auf die deutschen Gastfamilien ein – glaubt der Lehrer aus der englischen Partnerstadt Knaresborough zumindest.„Jetzt beginnt die Revolution“, geht im durch den Kopf.

Und irgendwie ist es wohl auch revolutionär, was 1974 mit der ersten Fahrt von Jugendlichen aus Bebra nach Knaresborough begonnen hat und bis heute gelebt wird. 50 Jahre gibt es die Partnerschaft zwischen der Brüder-Grimm-Gesamtschule und der King James´s School aus Knaresborough. Alan Hemsworth hat jeden Schüleraustausch begleitet.

Wie sich herausstellen soll, handelt es sich bei dem Mann mit der russischen Fellmütze vor 49 Jahren natürlich nicht um Lenin, sondern um Lehrer Joachim Haase, der wie sein englischer Kollege damals Motor des Schüleraustauschs ist. Hemsworth wird schnell zum Familienmitglied der Haases, spielt mit den Kindern Christine, Susanne und Martin, ist Freund und Begleiter. Fremdsein, Barrieren? Fehlanzeige.

Er kennt Bebra wie seine Westentasche

Mittlerweile fährt der 76-jährige Pensionär, der Bebra wie seine Westentasche kennt, nur noch als Tourist in die Biberstadt. Von 1972 an zeichnet Hemsworth für den Austausch von Mitgliedern der Landjugend in Bebra und Knaresborough verantwortlich, seit 1974 bis zu seinem Ruhestand für den Austausch zwischen den beiden Bildungseinrichtungen. Für sein Engagement um die deutsch-britische Freundschaft, die Beziehungen der Einwohner beider Städte und der Schuljugend erhielt er 1979 die Ehrenplakette der Stadt Bebra und im Jahr 2005 den Ehrenbrief des Landes Hessen.

Wie kommt man nach Bebra? „Mit Schwierigkeiten“, ist die spontane Antwort des Mannes mit dem typisch englischen Humor. Etwa 24 Stunden habe die erste Fahrt von Knaresborough gedauert: mit dem Bus nach London, mit der Bahn nach Dover, mit der Fähre nach Ostende. Und dann viermal umsteigen mit der Deutschen Bahn und vielen großen Koffern. Bebra habe sich in all den Jahren positiv entwickelt, sagt Hemsworth. Er wisse aus zuverlässigen Quellen, dass man sogar in Bad Hersfeld ein wenig neidisch auf das Einkaufszentrum schiele, schmunzelt er.

Auch der Brexit und Corona konnten die Partnerschaft nicht stoppen

Für Alan Hemsworth sind aber nicht die Shopping-Möglichkeiten ausschlaggebend dafür, dass Bebra zu seiner zweiten Heimat geworden ist. Es sind die Begegnungen mit Menschen, mit Kollegen, mit Jugendlichen, Kirmesbesuchern oder Gästen beim Bettenrennen in Knaresborough, die er kennen- und schätzen gelernt hat. Gespräche, Verbundenheit, Gemeinsamkeiten. Bis heute haben sie Bestand. Auch die Bürgermeister August-Wilhelm Mende, Wolfgang Dippel und Horst Groß hätten sich immer wieder für die Partnerschaft eingesetzt. „Es sind Freundschaften entstanden, die so echt und wahrhaftig sind und über Jahrzehnte bestehen“, sagt Alan Hemsworth und lächelt, beseelt von dieser gelebten Partnerschaft mit Herz.

Susanne Kanngieser (HNA)

50 Jahre Schüleraustausch: Bebra – Knaresborough